
Ein Satz meiner Schwiegermutter, den ich mir kürzlich wieder ins Gedächtnis gerufen habe, begleitet mich nun schon seit Jahren. Er ist wichtig. Wichtig auch für eine Portion Selbstkritik.
Das Jahr 2024 war für mich ein intensives, beinahe rauschhaftes Jahr der (Bild-)Produktion. Es hat sich vieles bewegt – zahlreiche neue Werke sind entstanden, gewachsen, hervorgetreten.
Ja, vielleicht ist alles noch komplexer geworden: mehr Linien, mehr Ebenen, mehr Informationen. Mehr scheinbares Chaos. Und zugleich eine noch größere Distanz zu dem, was gemeinhin als „dekorativ“ oder gefällig gilt – zu dem, was man sich klassisch an die Wand hängt oder wofür man bereit ist, Geld zu investieren.
Und dennoch: Ich muss schmunzeln – und diese Zeilen schreiben.
Nach über 40 Jahren des Malens bin ich mit mir selbst so im Reinen wie nie zuvor. In Kunstdokumentationen hört man oft: „Er oder sie war seiner Zeit voraus.“ Nicht vereinbar mit den gängigen Normen – weder künstlerisch noch gesellschaftlich. Vielleicht gilt das auch für meine Arbeit. Und das ist völlig in Ordnung.
Mein Prozess beginnt oft dort, wo unsere drei Töchter aufgehört haben: Sie dürfen sich frei auf den leeren Malgründen austoben. Ich greife diesen ursprünglichen Ausdruck auf – ohne Plan, ohne Erwartung, ohne den Wunsch, zu gefallen. Schicht für Schicht, Linie für Linie wird sichtbar, was längst angelegt ist. Ich füge nichts hinzu – ich mache sichtbar.
Was existieren will, wird existieren.
Deshalb: Kein Druck.
Es ist ein meditativer Zustand, ein vollständiges Eintauchen in den Schaffensprozess. Ein Loslassen. Ein Vertrauen. Und ja – auch ein bewusstes Ignorieren einer Kunstwelt, die sich nicht selten in eigenen Strukturen verstrickt hat.
Eine Konstante begleitet mich seit Jahren: gute Deep-House-Musik. Mehr braucht es nicht. Vielleicht ist es genau das – der eigene Rhythmus, der eigene Klang –, der uns zurück zu uns selbst führt.
Der Prozess selbst kann Jahre dauern. Viele Werke entstehen parallel, entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo. Manchmal verliere ich mich darin, manchmal gehe ich hinaus in die Natur, manchmal geschieht bewusst: nichts.
Und genau darin liegt die Essenz: fühlen. Wahrnehmen. Ein Medium sein für das, was entstehen möchte.
Was entstehen soll, wird gesehen werden – von den richtigen Menschen, zur richtigen Zeit.
Es gibt keine Regeln für das Malen. Diese Haltung habe ich über Jahre hinweg auch mit Kindern gelebt und geteilt. Nicht gefallen zu wollen, ist vielleicht die größte Freiheit überhaupt – und der Ursprung eines wirklich offenen Geistes.
Auch heute entdecke ich in meinen Arbeiten immer wieder neue Ebenen, neue Strukturen, neue Möglichkeiten. Ältere Werke werden neu betrachtet, weitergeführt, transformiert. Ein fortlaufender Dialog.
Und ja – ohne es bewusst anzustreben, hat sich meine Technik verändert. Sie ist präziser geworden, schneller, direkter. Auch das ist Teil des Weges.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Es ist alles richtig, so wie es ist.
Das Universum – und meine Bilder – sind offen, grenzenlos, in Bewegung.
Die Frage ist: Sind wir es auch?
Gerade jetzt.
Die Welt steht an einem Punkt, an dem wir uns erinnern sollten, was in uns liegt: Kreativität, Mitgefühl, Bewusstsein. Es gibt so viel mehr, was uns verbindet, als das, was uns trennt.
#nowar
