„Der Bauplan. Hoffnung für die Menschheit“

Dieses wieder sehr spezielle Werk wirkt wie ein Blick in einen Zustand vor der Entstehung der Welt – oder nach ihrem Zerfall. Christian erschafft hier keinen klassischen Bildraum, sondern ein vibrierendes System aus Energie, Erinnerung, organischem Wachstum und kosmischer Architektur. „Der Bauplan. Hoffnung für die Menschheit“ erscheint wie eine metaphysische Blaupause des Lebens selbst: ein Bild, das weniger betrachtet als vielmehr betreten werden will.

Im Zentrum öffnet sich eine dunkle Materie – ein nichts, ein Kern, ein Ursprung, vielleicht auch eine Wunde. Um ihn herum wachsen biomorphe Strukturen, die an Korallen, embryonale Zellen, Tiefseewesen, neuronale Bahnen oder fremdartige Pflanzen erinnern. Typisch für Christians Arbeiten ist wie immer das Ineinanderfließen von Mikrokosmos und Makrokosmos: Das Kleinste wirkt plötzlich universell, während das Universum selbst organische Züge annimmt.

Alles lebt, pulsiert, sendet Signale.

Die Farbwelt aus kaltem Blau, leuchtendem Türkis und fast phosphoreszierendem Weiß erinnert an Tiefsee, Sternennebel und elektrische Entladungen zugleich. Es ist eine Ästhetik zwischen Wissenschaft und Mystik. Linien schießen wie Datenströme durch das Bild, spiralförmige Zeichen und chiffrierte Symbole überlagern sich wie eine unbekannte Sprache. Man hat das Gefühl, als würde hier ein kosmischer Code sichtbar gemacht – eine Schrift, die nicht gelesen, sondern intuitiv gespürt werden soll.

Besonders bedeutend ist die Figur im oberen Zentrum: Nadin erscheint hier erneut als Rückenfigur – entrückt, schwebend, fast transzendiert. Wie in mehreren gemeinsamen Bildwelten der Bergemanns ist sie nicht einfach Porträt oder Körper, sondern Vermittlerin zwischen Ebenen. Sie steht an der Schwelle zwischen Menschlichem und Kosmischem, zwischen Innenwelt und Universum. Durch die Rückenansicht bleibt sie anonym und zugleich universell. Sie wird Projektionsfläche, Priesterin, Zeugin oder Ursprungsgestalt. Ihre Position im oberen Bereich des Bildes lässt sie wie einen Kanal wirken, durch den Energie, Wissen oder Hoffnung in die Welt fließen.

Um sie herum erscheinen unzählige Augenformen und beobachtende Wesenheiten. Diese „Beobachter“ sind auch immer wieder ein wiederkehrendes Motiv in Christians Bildsprache. Sie erinnern an uralte mythologische Vorstellungen eines beseelten Universums – ein Kosmos, der sieht, erinnert und urteilt. Die Augen wachen nicht bedrohlich, sondern aufmerksam. Sie wirken wie Bewusstseinsfragmente eines größeren Ganzen. Vielleicht ist genau das die Hoffnung, die der Titel nennt: Dass die Menschheit nicht isoliert existiert, sondern eingebettet ist in ein intelligentes, fühlendes Geflecht.

Auffällig ist auch die permanente Bewegung des Bildes. Es gibt auch hier wieder keinen festen Anfang und kein Ende. Linien kreisen, Formen lösen sich auf und setzen sich neu zusammen. Das Werk verweigert jede starre Ordnung und folgt stattdessen einer organischen Logik – ähnlich wie Wachstum, Gedanken oder Träume. Genau darin liegt ein wesentlicher Kern seiner Kunst: Die Bilder funktionieren nicht illustrativ, sondern wie lebendige Prozesse. Sie entstehen scheinbar aus einem Zustand kontrollierter Ekstase, in dem Intuition, Automatismus und symbolische Verdichtung ineinanderfließen.

„Der Bauplan. Hoffnung für die Menschheit“ ist deshalb kein Bauplan im technischen Sinn. Es ist ein spiritueller Bauplan. Einer, der davon erzählt, dass Hoffnung nicht in Perfektion liegt, sondern in Verbindung: zwischen Menschen, Natur, Erinnerung, Weiblichkeit, Chaos und kosmischem Bewusstsein.

Das Werk wirkt wie eine Vision aus einer anderen Zeit – uralt und futuristisch zugleich.

Und eines ist ganz sicher: Die Bilder scheinen nicht gemalt, sondern empfangen worden zu sein. (Was auch 100%ig so ist 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert




Enter Captcha Here :