
Dieses Bild ist für mich aus etwas sehr Persönlichem entstanden, weil ich tatsächlich eine Art Wikinger-Traum hatte. Es war kein normaler Traum mit einer klaren Handlung, sondern eher ein Gefühl, ein Strom aus Bildern, Symbolen, Energie und uralten Wesen. Als ich aufgewacht bin, hatte ich sofort das Bedürfnis, genau diesen Zustand festzuhalten, bevor er wieder verschwindet.
Beim Malen ging es mir deshalb nie darum, nordische Mythologie einfach nur darzustellen oder historische Wikingerkunst zu zitieren. Ich wollte vielmehr dieses rohe, archaische Gefühl sichtbar machen, das der Traum in mir ausgelöst hat. Etwas zwischen Untergang, Erinnerung, Chaos und Wiedergeburt.
Wie malt man nur einen Traum?
Das ganze Bild sollte wirken wie ein lebendiger Organismus. Nichts darin ist statisch. Alles bewegt sich, zerfällt und formiert sich gleichzeitig wieder neu. Viele Formen erinnern zwar an Drachen, Schlangen oder nordische Ornamente, aber sie lösen sich immer wieder auf und werden zu etwas anderem – fast wie Gedanken oder Traumfragmente, die ständig ihre Form verändern.
Gerade diese Spiralen und Bewegungen waren mir wichtig. Für mich fühlt sich das Bild an wie ein nordischer Sturm aus Energie oder das kalte nordische Meer. Es besitzt keinen festen Mittelpunkt. Alles rotiert ineinander, fast wie ein Sog. Ich wollte, dass man beim Betrachten das Gefühl bekommt, mitten in einem mythologischen Zerfallsprozess zu stehen.
Die linke Bildseite trägt viel Wärme in sich – Gold, Kupfer, Violett und fast feurige Strukturen. Dort steckt für mich die Energie von Schmieden, alten Blutlinien, Feuer und uraltem Wissen. Während des Malens musste ich oft an Jörmungandr denken, die Midgardschlange aus der Ragnarök-Sage. Aber auch sie erscheint hier nicht als klares Wesen. Sie zerfließt, mutiert und wird Teil des gesamten Systems.
Die rechte Seite dagegen wirkt viel kälter und offener. Türkis, Blau und eisige Strukturen erinnern mich an Nebel, Wasser, Nordmeere oder kosmischen Raum. Für mich treffen dort Feuer und Eis aufeinander – genau jene beiden Urkräfte, aus denen laut nordischer Mythologie überhaupt erst die Welt entstanden ist.
Überall im Bild tauchen Augen, Wesen, Runenfragmente und organische Muster auf. Manche erkennt man sofort, andere erst nach längerer Zeit. Ich liebe es, wenn Bilder beginnen, zurückzuschauen. Wenn man irgendwann nicht mehr sicher ist, ob man selbst das Werk betrachtet oder ob das Werk begonnen hat, einen selbst zu beobachten.
Auch die nordischen Ornamente wollte ich nicht einfach übernehmen. Mich interessierte vielmehr, sie lebendig werden zu lassen. Die Flechtmuster verwandeln sich in Sehnen, Nervenbahnen, Organismen oder kosmische Strukturen. Vergangenheit und Zukunft verschmelzen dabei miteinander.
Für mich steht Ragnarök deshalb nicht nur für den Untergang der Welt. Es steht für Transformation. Für die Idee, dass etwas Altes zerbrechen muss, damit überhaupt etwas Neues entstehen kann.
Das Bild besitzt deshalb auch keinen klaren Anfang und kein Ende. Es funktioniert eher wie ein Traum oder eine Erinnerung, die sich ständig weiter verändert. Vielleicht genau deshalb wirkt es für mich gleichzeitig archaisch und futuristisch – fast wie ein Relikt aus einer Zeit, die entweder längst vergangen ist oder erst noch kommen wird.
Oder vielleicht genauso einfach nur erträumt wurde.
