
Auch dieses Bild hat eigentlich keinen großen Plan gehabt.
Es entstand an einem dieser Tage, an denen ich einfach Farbe in die Hand nehme, ohne Konzept, ohne Auftrag, ohne die Absicht, etwas Bestimmtes auszudrücken. Manchmal male ich genau dann die ehrlichsten Bilder. Nicht weil ich etwas sagen will, sondern weil etwas durch mich hindurch will.
Während des Malens entwickelte sich eine Unterwasserwelt. Ein Korallenriff, das keines sein wollte. Die Formen wurden organisch, weich, körperlich. Je länger ich daran arbeitete, desto mehr verwandelten sich die Korallen in weibliche Formen, in Vulven, in Samenkelche, in Öffnungen des Lebens. Dazwischen entstanden dunklere, längliche Auswüchse – fast wie männliche Gegenpole. Nicht als Provokation, sondern als Erinnerung daran, dass die Natur selbst ständig zwischen weiblichen und männlichen Prinzipien tanzt.
Für mich wurde daraus eine Art Ur-Garten des Lebens.
Unter Wasser verschwinden viele gesellschaftliche Regeln. Dort gibt es keine Scham, keine Moral, keine Kategorien. Dort existieren Formen einfach, weil sie existieren. Das Meer urteilt nicht über Sexualität. Es kennt nur Fortpflanzung, Wachstum, Verwandlung und Vergänglichkeit.
Die unzähligen Vulvaformen im Bild sind deshalb für mich weniger ein sexuelles Symbol als vielmehr ein Symbol für Ursprung. Für Gebären. Für die Fähigkeit des Lebens, sich immer wieder neu hervorzubringen. Fast jede Form in diesem Bild könnte eine Blüte sein, ein Organismus, ein Samen oder ein Tor in eine andere Welt.
Das Schönste an diesem Werk geschah allerdings erst, als ich eigentlich schon fertig war. (Was es bei mir wirklich nie ist)
Meine Tochter betrachtete das Bild eine Weile und sagte plötzlich:
„Papa, da oben fehlt eine Qualle.“
Für mich war das Bild schon abgeschlossen. Für sie offensichtlich nicht.
Also nahm sie den Pinsel und malte einfach eine Qualle hinein.
Diese große, schwebende Qualle rechts oben stammt ursprünglich von ihr. Ich habe sie später ausgearbeitet, verfeinert und in die Bildsprache integriert, aber die Idee gehört ihr.
Dadurch wurde das Bild etwas, das ich alleine niemals hätte malen können.
Heute ist die Qualle für mich das eigentliche Zentrum des Werkes. Sie schwebt wie ein Geist durch diese Landschaft aus Fruchtbarkeit und Wachstum. Fast schwerelos bewegt sie sich über diesem seltsamen Korallenriff, als würde sie die Erinnerung tragen, dass Kunst manchmal genau dann entsteht, wenn man aufhört, etwas erzwingen zu wollen.
Vielleicht erzählt das Bild deshalb weniger über Sexualität als über Entstehung.
Über das Leben, das sich in tausend Formen zeigt.
Über Kreativität, die auftaucht, wenn Langeweile Raum bekommt.
Und über den Moment, in dem ein Kind etwas sieht, das dem Erwachsenen verborgen geblieben ist. Die Qualle erinnert mich jedes Mal daran, dass Kunst nicht nur aus Können entsteht, sondern manchmal aus einem einzigen Satz:
„Papa, da fehlt noch eine Qualle.“
