
Dieses Werk entstand – wie so viele meiner Bilder – ohne jeden festen Plan.
Wochenlang stand die Leinwand einfach im Wohnzimmer. Sie war ein Geschenk meiner Frau Nadin. Eine große weiße Fläche voller Möglichkeiten, die mir zunächst aber überhaupt keine Geschichte erzählen wollte. Ich hatte keinen Drang, sie zu bemalen. Ich wusste schlicht nicht, was daraus werden sollte. Also tat ich das, was ich oft tue: Ich wartete.
Dann passierte etwas, das für meine Arbeitsweise typisch ist. Das Bild begann nicht durch meine eigene Idee zu leben, sondern durch einen Impuls von außen. Meine große Tochter nahm sich die Leinwand und begann, mit verschiedenen Blautönen darauf zu malen. Es entstanden Formen, die an Wasser, an Strömungen und an einen Fluss erinnerten. Aus diesen ersten Spuren entwickelte sich nach und nach ein Dialog zwischen Leinwand, Familie und mir.
Für mich wurde daraus immer mehr als nur eine Darstellung von Wasser. Ich begann darin den Fluss des Lebens zu erkennen. Und irgendwann tauchte auch ein Motiv auf, das mich bereits seit meiner Jugend begleitet: der Koi.
Schon als Tätowierer habe ich mich intensiv mit der japanischen Tätowierkunst beschäftigt. Viele ihrer Symbole erzählen vom Kreislauf des Lebens, von Wachstum, Veränderung und Vergänglichkeit. Diese Themen haben mich immer fasziniert und begleitet.
Auch in diesem Bild scheinen sie ihren Platz gefunden zu haben.
Die linke Seite erinnert mich mit ihren geschwungenen Formen und ornamentalen Strukturen an die Bildsprache asiatischer Holzschnitte. Die Wellen wirken wild und ungestüm. Sie türmen sich auf, wirbeln durcheinander und scheinen miteinander zu kämpfen. Für mich stehen sie für jene Lebensphasen, in denen alles in Bewegung ist. Zeiten voller Unsicherheit, Veränderungen und innerer Stürme. Zeiten, in denen man nicht weiß, wohin einen die Strömung eigentlich tragen wird.
In der Mitte des Bildes beginnt sich die Wasserwelt langsam zu verändern. Fast unmerklich weichen die helleren, turbulenten Bewegungen tieferen Blautönen. Es wirkt auf mich wie ein Übergang, der nicht bewusst gezogen wird, sondern einfach geschieht. Wie die Übergänge im Leben selbst.
Genau dort erscheint der Koi.
In der japanischen Kultur steht er für Ausdauer, Mut und die Fähigkeit, selbst gegen stärkste Strömungen anzuschwimmen. In diesem Bild wirkt er für mich beinahe wie ein Selbstporträt.
Nach vielen bewegten Jahrzehnten kämpfe ich auch nicht mehr gegen jede Welle an. Stattdessen tauche ich in tieferes Wasser ein. Ein Wasser, das dunkler erscheint, aber gleichzeitig ruhiger ist. Nicht bedrohlich, sondern voller Gelassenheit.
Mit mittlerweile 55 Jahren blicke ich auf viele unterschiedliche Lebensabschnitte zurück. Auf unbefriedigende Jobs, gescheiterte Selbstständigkeiten, meine Jahre als Grafiker, Tätowierer, Buddhist, Künstler, Familienmensch, Suchender und manchmal auch Findender. All diese Erfahrungen scheinen in diesem Koi zu stecken. Er verlässt die unruhigen Gewässer der Vergangenheit nicht deshalb, weil er sie überwunden hätte, sondern weil sie zu einem Teil von ihm geworden sind. Sie haben ihn geformt.
Das Licht links oben bleibt dennoch präsent. Für mich erinnert es daran, dass jeder Fluss einen Ursprung hat. Dass jede Strömung – egal wie wild sie erscheint – letztlich Teil eines größeren Ganzen ist.
So erzählt dieses Bild zwar von Wasser, aber eigentlich viel mehr vom Leben selbst. Von seinen Stürmen, seinen Übergängen und den ruhigeren Gewässern, die vielleicht erst mit den Jahren sichtbar werden. Es ist ein Bild über Bewegung, Reife und die Erkenntnis, dass man den Fluss des Lebens nicht kontrollieren muss, um seinen eigenen Weg zu finden.
Wichtig ist mir dabei, dass dieses Werk noch nicht abgeschlossen ist.
Es befindet sich weiterhin im Entstehungsprozess. Neue Details, neue Strukturen und vielleicht auch neue Bedeutungen werden ihren Weg auf die Leinwand finden. Genau das macht dieses Bild für mich so ehrlich. Meine Arbeiten folgen selten einem starren Konzept. Sie wachsen organisch. Mit jeder Begegnung, jedem Gedanken und jeder neuen Erfahrung verändern sie sich weiter.
Wer das Bild heute betrachtet, sieht deshalb nur eine Momentaufnahme seines Weges.
Welche Formen, Symbole oder Geschichten noch aus den Tiefen dieses Flusses auftauchen werden, weiß selbst ich noch nicht.
Ich werde die weitere Entwicklung dieses Werkes hier auf der Homepage dokumentieren und immer wieder einzelne Schritte seiner Entstehung zeigen. So kann man nicht nur das fertige Bild erleben, sondern auch den spannenden Prozess verfolgen, in dem aus den ersten blauen Pinselstrichen meiner Tochter nach und nach ein vielschichtiges Sinnbild des Lebensflusses entsteht.
