
Dieses Werk entstand wie immer aus keinem festen Plan heraus.
Einige Wochen stand die Leinwand leer im Wohnzimmer. Sie war ein Geschenk seiner Frau Nadin – eine große weiße Fläche voller Möglichkeiten, die jedoch zunächst auch keine Geschichte erzählen wollte. Christian verspürte keinen Drang, sie zu bemalen. Was sollte es werden? Einfach mal warten…
Dann geschah etwas, das für viele Werke von Christian Bergemann typisch ist: Das Bild begann nicht durch eine eigene Idee, sondern durch einen Impuls zu leben. Seine große Tochter nahm die Leinwand und begann, in verschiedenen Blautönen etwas zu malen, das an Wasser, an Strömungen und an einen Fluss erinnerte. Aus diesen ersten Spuren entwickelte sich ein Dialog zwischen Leinwand, Familie und Künstler.
Für Christian wurde daraus immer mehr als nur eine einfache Darstellung von Wasser. Er erkannte darin den Fluss des Lebens und einen Koi, ein Motiv, das ihn seit seiner Jugend begleitet. Bereits als Tätowierer beschäftigte er sich intensiv mit der japanischen Tätowier Kunst, seinen Symbolen, die immer wieder auch den Kreislauf des Lebens, Wachstum und Vergänglichkeit darstellen.
Diese Symbolik scheint auch in diesem Werk verborgen zu sein. Die linke Bildhälfte erinnert mit ihren geschwungenen Formen und ornamentalen Strukturen an die Bildsprache asiatischer und japanischer Holzschnitte. Die Wellen wirken wild und ungestüm. Sie türmen sich auf, wirbeln durcheinander und scheinen gegeneinander anzukämpfen. Sie stehen für jene Phasen des Lebens, die von Veränderung, Unsicherheit und inneren Stürmen geprägt sind. Zeiten, in denen man nicht weiß, wohin die Strömung einen tragen wird.
In der Mitte des Bildes geschieht etwas Bemerkenswertes. Fast unmerklich verändert sich die Wasserwelt. Die hellen, turbulenten Bewegungen weichen tieferen, dunkleren Blautönen. Es wirkt wie eine Grenze, die nicht gezogen, sondern durchlebt wird. Ein Übergang zwischen Lebensabschnitten.
Genau dort erscheint der Koi.
In der japanischen Kultur steht der Koi für Ausdauer, Mut und die Fähigkeit, selbst gegen stärkste Strömungen anzuschwimmen. Hier wirkt er fast wie ein Selbstporträt des Künstlers. Nach vielen bewegten Jahrzehnten schwimmt er nicht mehr gegen jede Welle an. Stattdessen taucht er in ein tieferes Wasser ein. Ein Wasser, das dunkler ist, aber zugleich ruhiger erscheint. Nicht bedrohlich, sondern voller Gelassenheit.
Mit seinen 55 Jahren blickt Christian Bergemann auf ein Leben voller Wandlungen zurück: Viele unbefriedigende Jobs, erfolglose Selbstständigkeit, Jahre als Grafiker, Tätowierer, Buddhist, Künstler, Familienmensch, Suchender und Findender. Der Koi scheint all diese Erfahrungen in sich zu tragen. Er verlässt die unruhigen Gewässer der Vergangenheit nicht, weil sie überwunden wären, sondern weil sie Teil seines Weges geworden sind. Sie haben ihn geformt.
Das Licht links oben bleibt dennoch präsent. Es erinnert daran, dass jeder Fluss seinen Ursprung hat. Und dass jede Strömung – egal wie wild sie erscheint – letztlich Teil eines größeren Ganzen ist.
So erzählt dieses Bild von Wasser, aber noch viel mehr vom Leben selbst. Von den Stürmen, den Übergängen und den stilleren Gewässern, die vielleicht erst im Laufe der Jahre sichtbar werden. Es ist ein Werk über Bewegung, Reife und die Erkenntnis, dass man den Fluss nicht kontrollieren muss, um seinen eigenen Weg zu finden.
Wichtig ist dabei, dass dieses Werk noch nicht abgeschlossen ist.
Es befindet sich aktuell noch im Entstehungsprozess. Neue Details, Strukturen und vielleicht auch neue Bedeutungen werden ihren Weg auf die Leinwand finden. Gerade dieser offene Zustand macht das Bild zu einem besonders ehrlichen Ausdruck von Christians Arbeitsweise: Das Werk folgt niemals einem starren Konzept, sondern wächst organisch mit jeder Begegnung, jedem Gedanken und jeder neuen Erfahrung.
Wer das Bild heute betrachtet, sieht daher nur eine Momentaufnahme seines Weges. Welche Formen, Symbole oder Geschichten noch aus den Tiefen dieses Flusses auftauchen werden, ist selbst für den Künstler noch nicht vollständig vorhersehbar.
Christian wird die weitere Entwicklung dieses Werkes hier weiter dokumentieren und einzelne Schritte seiner Entstehung zeigen. So können Besucher nicht nur das fertige Bild erleben, sondern auch den spannenden Prozess verfolgen, in dem aus den ersten blauen Pinselstrichen seiner Tochter nach und nach ein vielschichtiges Sinnbild des Lebensflusses entsteht.
