„Die Geburtsmatrix“

Dieses Werk von Christian wirkt wie ein Blick in den Ursprung allen organischen Lebens – und gleichzeitig wie ein Blick in das Innere eines Bewusstseins. Kein statisches Bild, sondern ein Ereignis. Eine Strömung. Ein atmender Kosmos aus Farbe, Bewegung und Erinnerung.

Mit dem Wissen, dass die Grundlage dieses Werkes ein intimer Körperabdruck von Nadin ist, erhält das Bild eine zusätzliche, tief berührende Ebene. Der weibliche Körper wird hier nicht als bloßes Motiv dargestellt, sondern als Ursprung, als Landschaft des Lebens selbst. Der Abdruck verschwindet nicht unter der Malerei – er transformiert sich. Er wird zu Erde, zu Galaxie, zu Energiefluss. Die physische Spur eines realen Körpers bildet den Ausgangspunkt für etwas Universelles.

Gerade darin liegt eine besondere Stärke der Arbeiten von den beiden: Das Persönliche wird niemals privat im engen Sinne, sondern archetypisch. Aus Intimität entsteht Mythologie. Der Körper wird nicht objektifiziert, sondern sakralisiert – als Ursprung allen Werdens. Die geschwungenen Formen im unteren Bildbereich erinnern dadurch unweigerlich an organische Anatomie, an weibliche Fruchtbarkeit, an Keimzellen, Blüten oder embryonale Strukturen. Gleichzeitig bleiben sie offen genug, um ebenso als kosmische Spiralen oder fließende Landschaften gelesen zu werden.

Die kreisförmige Komposition in der Mitte erzeugt eine starke Dynamik ohne Anfang und Ende. Ein kleines Universum, gefangen in einer Blase. Linien, Tropfen, Samen- und (Spermien-) formen und Lichtpartikel bewegen sich durch das Bild wie ein ewiger Kreislauf aus Geburt, Transformation und Rückkehr. Die weißen ovalen Elemente wirken dabei beinahe wie schwebende Zellen oder Fragmente einer unbekannten Sprache – Zeichen eines biologischen und spirituellen Codes zugleich.

Auffällig ist wieder die Spannung zwischen Mikro- und Makrokosmos, die sich durch viele Werke zieht. Einerseits erinnert das Bild an mikroskopische Aufnahmen lebender Materie, andererseits öffnet sich darüber ein nahezu astronomischer Raum. Die obere Bildzone mit ihren leuchtenden Bögen und einschlagenden Lichtspuren erscheint wie ein kosmisches Firmament. Darunter wächst aus dem Körperabdruck eine organische Form empor, die Pflanze, Wesen, Landschaft und Universum zugleich sein könnte.

Was in früheren Arbeiten bereits sichtbar wurde – die Verschmelzung von Spiritualität, Natur, Mythologie und inneren Visionen – verdichtet sich hier zu einer fast meditativen Intensität. Die Bildsprache folgt keiner klassischen Abstraktion. Seine Werke wirken vielmehr wie freigelegte innere Zustände, als würde etwas Unsichtbares plötzlich Form annehmen. Besonders die zunehmende Verdichtung seiner neueren Arbeiten zeigt sich auch hier: mehr Linien, mehr energetische Verbindungen, mehr Informationen – und dennoch eine bemerkenswerte innere Harmonie.

Farblich bewegt sich das Werk zwischen tiefem Ultramarin, leuchtendem Türkis, organischem Grün und warmem Goldgelb. Diese Farben wirken beinahe alchemistisch. Das Blau öffnet den Raum ins Unendliche, während die gold-grünen Strukturen wie lebendige Materie daraus hervorzuwachsen scheinen. Licht wird nicht gemalt – es scheint aus dem Inneren des Bildes zu entstehen.

Im Kontext des Gesamtwerks von Christian und Nadin erscheint dieses Bild wie eine kosmische Geburtsmatrix. Der intime Abdruck von ihr wird zum Ausgangspunkt eines universellen Narrativs über Leben, Ursprung und Verbundenheit. Das Werk zeigt nicht einfach einen (intimen) Körper – es zeigt die Erinnerung des Universums an den Körper.

„Das Auge des Drachen“ von Nadin und Christian

Christian:
Dieses Bild ist für uns nie einfach nur ein Drachenauge gewesen. Schon während des Malprozesses hatte ich das Gefühl, dass da etwas zurückblickt. Zuerst waren es nur Kristalline-Strukturen. Nicht wie ein gemaltes Motiv, sondern eher wie ein eigenes Wesen oder Bewusstsein. Genau das interessiert uns beide an Kunst: Wenn ein Bild beginnt, mehr zu sein als Farbe auf Leinwand.

Das Auge selbst sollte etwas Uraltes in sich tragen. Etwas Wachendes. Etwas, das nicht böse ist, aber unglaublich aufmerksam. Die Pupille wirkt fast wie ein Tor oder ein Abgrund, in den man hineingezogen wird. Je länger man hineinsieht, desto mehr verliert man das Gefühl, nur ein Bild anzusehen.

Nadin:
Für mich fühlt sich dieses Auge an, als würde es Dinge sehen, die wir normalerweise verdrängen. Instinkte, Erinnerungen, Ängste oder innere Kräfte. Deshalb wirkt es auch nicht wie klassische Fantasy. Der Drache steht hier nicht für ein Monster oder ein Märchenwesen, sondern eher für eine uralte Energie, die tief in jedem Menschen existiert.

Viele Menschen empfinden Drachen entweder als zerstörerisch oder beschützend. Für mich ist er beides gleichzeitig. Wie die Natur selbst. Wie das Leben selbst.

Christian:
Die organischen Strukturen rund um das Auge sind typisch für unsere Arbeiten. Mich interessiert diese Mischung aus Haut, Fossil, Kristall, Pflanze und außerirdischem Organismus. Alles soll lebendig wirken, fast so, als würde das Bild atmen. Deshalb ist auch keine einzige Schuppe wirklich statisch. Alles verändert sich, wächst oder bewegt sich innerlich weiter.

Gerade die extreme Nähe war uns wichtig. Man sieht nicht den ganzen Drachen. Nur ein Fragment. Aber genau dadurch wird er größer. Der Betrachter muss sich automatisch mit dem Blick selbst auseinandersetzen.

Wer beobachtet hier eigentlich wen?

Nadin:
Das war auch emotional spannend, weil man irgendwann merkt, dass man selbst plötzlich der Betrachtete wird. Das Bild hält einem fast einen Spiegel hin. Viele Menschen reagieren ganz unterschiedlich darauf. Manche empfinden Ruhe darin, andere Unbehagen oder Ehrfurcht. Genau das lieben wir. Wenn Kunst nicht nur dekorativ ist, sondern etwas im Inneren auslöst.

Christian:
Die Farben spielen dabei eine riesige Rolle. Dieses kalte Türkis, das biolumineszente Grün und die dunklen Tiefen sollten wirken wie etwas zwischen Tiefsee, Mineral und kosmischer Energie. Fast wie ein Leuchten aus einer anderen Welt. Gleichzeitig hat das Bild für mich aber auch etwas Sakrales, fast wie ein modernes Ikonenbild.

Nadin:
Unter all der Präzision steckt trotzdem immer Chaos. Unsere Bilder entstehen nie komplett geplant. Vieles passiert intuitiv. Wir arbeiten sehr stark aus Emotionen, inneren Bildern und Zuständen heraus. Genau deshalb wirken die Oberflächen oft so vibrierend oder lebendig.

Für uns ist „Das Auge des Drachen“ deshalb kein Bild über ein Fantasiewesen.

Es ist ein Bild über Wahrnehmung.
Über Instinkt.
Über das Fremde in uns selbst.

Und vielleicht passiert irgendwann genau das Schönste:
Dass man lange genug hineinsieht und plötzlich merkt, dass das Bild begonnen hat, zurück in einen selbst hineinzublicken.

„Der Bauplan. Hoffnung für die Menschheit“

Dieses wieder sehr spezielle Werk wirkt wie ein Blick in einen Zustand vor der Entstehung der Welt – oder nach ihrem Zerfall. Christian erschafft hier keinen klassischen Bildraum, sondern ein vibrierendes System aus Energie, Erinnerung, organischem Wachstum und kosmischer Architektur. „Der Bauplan. Hoffnung für die Menschheit“ erscheint wie eine metaphysische Blaupause des Lebens selbst: ein Bild, das weniger betrachtet als vielmehr betreten werden will.

Im Zentrum öffnet sich eine dunkle Materie – ein nichts, ein Kern, ein Ursprung, vielleicht auch eine Wunde. Um ihn herum wachsen biomorphe Strukturen, die an Korallen, embryonale Zellen, Tiefseewesen, neuronale Bahnen oder fremdartige Pflanzen erinnern. Typisch für Christians Arbeiten ist wie immer das Ineinanderfließen von Mikrokosmos und Makrokosmos: Das Kleinste wirkt plötzlich universell, während das Universum selbst organische Züge annimmt.

Alles lebt, pulsiert, sendet Signale.

Die Farbwelt aus kaltem Blau, leuchtendem Türkis und fast phosphoreszierendem Weiß erinnert an Tiefsee, Sternennebel und elektrische Entladungen zugleich. Es ist eine Ästhetik zwischen Wissenschaft und Mystik. Linien schießen wie Datenströme durch das Bild, spiralförmige Zeichen und chiffrierte Symbole überlagern sich wie eine unbekannte Sprache. Man hat das Gefühl, als würde hier ein kosmischer Code sichtbar gemacht – eine Schrift, die nicht gelesen, sondern intuitiv gespürt werden soll.

Besonders bedeutend ist die Figur im oberen Zentrum: Nadin erscheint hier erneut als Rückenfigur – entrückt, schwebend, fast transzendiert. Wie in mehreren gemeinsamen Bildwelten der Bergemanns ist sie nicht einfach Porträt oder Körper, sondern Vermittlerin zwischen Ebenen. Sie steht an der Schwelle zwischen Menschlichem und Kosmischem, zwischen Innenwelt und Universum. Durch die Rückenansicht bleibt sie anonym und zugleich universell. Sie wird Projektionsfläche, Priesterin, Zeugin oder Ursprungsgestalt. Ihre Position im oberen Bereich des Bildes lässt sie wie einen Kanal wirken, durch den Energie, Wissen oder Hoffnung in die Welt fließen.

Um sie herum erscheinen unzählige Augenformen und beobachtende Wesenheiten. Diese „Beobachter“ sind auch immer wieder ein wiederkehrendes Motiv in Christians Bildsprache. Sie erinnern an uralte mythologische Vorstellungen eines beseelten Universums – ein Kosmos, der sieht, erinnert und urteilt. Die Augen wachen nicht bedrohlich, sondern aufmerksam. Sie wirken wie Bewusstseinsfragmente eines größeren Ganzen. Vielleicht ist genau das die Hoffnung, die der Titel nennt: Dass die Menschheit nicht isoliert existiert, sondern eingebettet ist in ein intelligentes, fühlendes Geflecht.

Auffällig ist auch die permanente Bewegung des Bildes. Es gibt auch hier wieder keinen festen Anfang und kein Ende. Linien kreisen, Formen lösen sich auf und setzen sich neu zusammen. Das Werk verweigert jede starre Ordnung und folgt stattdessen einer organischen Logik – ähnlich wie Wachstum, Gedanken oder Träume. Genau darin liegt ein wesentlicher Kern seiner Kunst: Die Bilder funktionieren nicht illustrativ, sondern wie lebendige Prozesse. Sie entstehen scheinbar aus einem Zustand kontrollierter Ekstase, in dem Intuition, Automatismus und symbolische Verdichtung ineinanderfließen.

„Der Bauplan. Hoffnung für die Menschheit“ ist deshalb kein Bauplan im technischen Sinn. Es ist ein spiritueller Bauplan. Einer, der davon erzählt, dass Hoffnung nicht in Perfektion liegt, sondern in Verbindung: zwischen Menschen, Natur, Erinnerung, Weiblichkeit, Chaos und kosmischem Bewusstsein.

Das Werk wirkt wie eine Vision aus einer anderen Zeit – uralt und futuristisch zugleich.

Und eines ist ganz sicher: Dieses Bild scheint nicht nur gemalt, sondern empfangen worden zu sein. (Was Christian auch immer wieder so gefühlt hat)

Tja, keine Ahnung! Ein Mandala auf meine ART?

Dieses Werk fühlt sich für mich an wie ein Blick in einen Moment, bevor aus Materie überhaupt Bewusstsein entsteht. Nichts darin wirkt still oder abgeschlossen. Alles wächst, windet sich weiter, gebiert neue Formen und verschlingt gleichzeitig wieder alte.

Ich hatte beim Malen nie das Gefühl, einfach nur ein Bild zu erschaffen. Eher wie ein organisches System, das sich während des Prozesses selbst entwickelt. Fast so, als würde ich nicht etwas erfinden, sondern etwas sichtbar machen, das bereits existiert.

Genau dieses Spiel zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos begleitet viele meiner Arbeiten. Manche Menschen sehen zuerst Pflanzenstrukturen oder florale Formen darin. Andere erkennen Galaxien, Zellteilungen, embryonale Wesen oder Tiefseeorganismen. Für mich gehört all das zusammen. Der Aufbau einer Zelle, das Wachstum einer Pflanze und die Struktur eines Universums folgen oft denselben Bewegungen.

Mich interessiert dieser Übergang zwischen biologischer Realität, inneren Visionen und etwas Kosmischem. Deshalb verändern sich die Formen beim längeren Betrachten ständig. Nichts bleibt eindeutig.

Besonders wichtig war mir die Bewegung im Bild. Die Spiralen und Linien ziehen den Blick immer weiter hinein, fast wie Strudel oder Portale. Keine Form endet wirklich, alles setzt sich irgendwo anders fort. Genau das entspricht auch meinem Gefühl vom Leben selbst: kein klarer Anfang und kein Ende, sondern ein permanenter Prozess von Wachstum und Transformation.

Manchmal habe ich selbst das Gefühl, dass die Bilder anfangen zu atmen.

Die Farben spielen dabei eine große Rolle. Die intensiven Grün- und Türkistöne erinnern mich an biolumineszente Unterwasserwelten oder an den ersten Moment von Leben. Darüber entstehen wärmere Gold-, Kupfer- und Rosétöne, die für mich fast wie geistige oder spirituelle Energie wirken. Das Licht im Bild sollte dabei nie einfach nur Beleuchtung sein. Ich wollte, dass das Licht selbst wie eine eigene Materie wirkt.

Alles ist nichts.
Und nichts wird wieder alles.

Das zieht sich eigentlich durch mein gesamtes Schaffen. Schönheit und Fremdartigkeit existieren gleichzeitig. Manche Formen wirken zunächst dekorativ oder fast harmonisch, bis man plötzlich Augen, embryonale Strukturen oder hybride Wesen darin entdeckt. Ich mag diesen Moment, wenn etwas gleichzeitig faszinierend und leicht verstörend wirkt.

Denn für mich sollen Bilder nicht nur betrachtet werden.
Sie sollen zurückblicken.

Technisch entstehen meine Arbeiten sehr intuitiv und in vielen Schichten. Linien, Punkte, organische Muster und Strukturen wachsen langsam übereinander. Der Prozess ist fast meditativ. Oft entwickelt sich das Bild dabei selbst weiter und führt mich an Orte, die ich am Anfang noch gar nicht geplant hatte. Vielleicht wirken die Werke deshalb eher entdeckt als konstruiert.

Für mich ist dieses Bild eine Verbindung aus Natur, Mutation, Erinnerung und kosmischer Energie.

Und vielleicht ist genau das der schönste Gedanke daran:
Dass man beim Betrachten irgendwann nicht mehr das Gefühl hat, vor Farbe auf Leinwand zu stehen – sondern direkt in einen Denkprozess der Natur selbst hineinzublicken.

Der Glücksdrache – Es stand mal eine Figur im Regal…

Das Bild wirkt wie die Öffnung eines inneren Kosmos – ein Bild, das weniger gemalt als freigelegt erscheint. Im Zentrum sitzt die Drachenfigur selbst: ursprünglich ein reales Objekt aus dem privaten Raum des Künstlers, beinahe ein Kindheitsrelikt oder persönlicher Talisman. Doch genau an diesem Punkt beginnt das eigentliche Werk. Denn der Drache ist nicht bloß dargestellt – er wird zum Ursprung einer Welt.

Wie in vielen Arbeiten Christians entsteht aus einem konkreten Gegenstand ein organisches Universum aus Linien, Energiebahnen und symbolischen Fragmenten. Die Figur des Glücksdrachen scheint sich aus ihrer materiellen Form zu lösen und in ein Netzwerk aus Strukturen, Erinnerungen und Bewusstsein überzugehen. Das Bild wächst spiralförmig um ihn herum, als hätte der Künstler nicht entschieden, wohin die Komposition führt, sondern als hätte sich die Arbeit selbst entfaltet.

Besonders auffällig ist die beinahe architektonische Überlagerung aus schwarzen Linien und leuchtenden Flächen. Sie erinnern zugleich an gotische Fenster, neuronale Verbindungen, zerbrochene Glasstrukturen oder Karten unbekannter Städte. Dieses visuelle Vokabular ist typisch für Christian: Ordnung und Chaos existieren gleichzeitig. Jede Linie scheint Bedeutung zu tragen, ohne sich vollständig entschlüsseln zu lassen.

Der Drache selbst besitzt dabei eine paradoxe Präsenz. Obwohl er auf einer figurativen Vorlage basiert, wird er hier monumental. Seine weit geöffnete Schnauze wirkt nicht bedrohlich, sondern eher wie ein Ruf oder ein Übergang. Er erscheint als Wächterfigur zwischen Innenwelt und Außenwelt – zwischen Erinnerung und Vision. Der „Glücksdrache“ wird dadurch zu etwas sehr Persönlichem: ein Symbol für jene Dinge, die uns durch das Leben begleiten, oft unbemerkt, bis sie irgendwann in der Kunst wieder auftauchen und ihre eigentliche Bedeutung offenbaren.

Im unteren Bereich strömen farbige Bahnen durch das Bild wie flüssige Energie. Türkis, Orange, Blau und Weiß ziehen sich wie elektrische Flüsse oder kosmische Strömungen durch die Dunkelheit. Diese Bewegung kontrastiert mit dem verdichteten Zentrum und erzeugt das Gefühl, dass der gesamte Raum pulsiert. Man hat den Eindruck, als würde der Drache nicht in der Welt sitzen – sondern die Welt selbst hervorbringen.

Gerade darin liegt das besondere in diesem Werk: Es ist keine Illustration eines Drachen, sondern die Dokumentation eines schöpferischen Vorgangs. Ein alltäglicher Gegenstand wird zum Auslöser eines visuellen Bewusstseinsstroms. Bergemann macht sichtbar, wie Erinnerung, Fantasie und Intuition ineinanderfließen und eine Bildsprache erzeugen, die sich jeder eindeutigen Interpretation entzieht.

„Der Glücksdrache“ steht damit exemplarisch für das Werk von Christian Bergemann: zutiefst persönlich, symbolisch überladen, energetisch verdichtet – und dennoch offen genug, damit Betrachter ihre eigenen Mythen darin entdecken können.

„Vanilla Sky“ oder der „Zeitkraken“

Ein Traumzustand zwischen Tiefsee, Kosmos und Erinnerung – ein Werk, das sich weniger als klassisches Gemälde lesen lässt, sondern vielmehr wie eine lebendige Bewusstseinslandschaft. In der Bildsprache erkennt man erneut jene intensive Verschmelzung aus organischer Form, psychischer Innenwelt und universeller Symbolik, die seine Arbeiten so unverwechselbar macht. Doch „Vanilla Sky“ besitzt eine besondere Weichheit: Es ist ein Bild des Strömens, nicht des Kampfes. Es ist auch ein Bild für Momente in denen sich alles wie ein Kaugummi zieht…

Die gesamte Leinwand scheint aus einem einzigen atmenden Organismus zu bestehen. Tentakelartige Gebilde, spiralförmige Zellstrukturen, Augenmuster, embryonale Formen und fließende Energiebahnen verschlingen sich zu einem Netzwerk, das weder oben noch unten kennt. Die Bilder folgen keiner klassischen Komposition, sondern wachsen wie natürliche Systeme – wie Korallen, Nervennetze oder Galaxienformationen. Alles steht miteinander in Verbindung.

Im Zentrum dieser pulsierenden Welt offenbart sich der Zeitkrake – eine jener typisch bergemann’schen Wesenheiten, die nicht eindeutig Figur oder Symbol sind, sondern eher Zustände des Bewusstseins verkörpern. Seine Tentakel ziehen sich wie Zeitbahnen durch das gesamte Bild, greifen ineinander, lösen sich auf und entstehen an anderer Stelle neu. Der Zeitkrake wirkt nicht wie ein Monster der Tiefsee, sondern wie eine Verkörperung der Zeit selbst: fließend, ungreifbar, unendlich verzweigt. Saugend…

Jeder Saugnapf erscheint dabei wie ein eigenes Auge oder eine eigene Erinnerungskammer – als würde jede Bewegung des Wesens vergangene und zukünftige Momente speichern. Die Spiralen in seinem Körper erinnern an Uhrenfedern, Galaxienrotationen oder DNA-Strukturen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass dieser Organismus außerhalb linearer Zeit existiert.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen in ihm zusammen.

Der Titel „Vanilla Sky“ erzeugt dabei einen spannenden Kontrast. „Vanille“ evoziert etwas Sanftes, Süßes, Vertrautes – der „Sky“ dagegen öffnet den Raum ins Grenzenlose. Dieses Bild bewegt sich genau zwischen diesen Polen: Es besitzt eine traumartige Schönheit, beinahe etwas Zärtliches, und gleichzeitig eine überwältigende kosmische Tiefe. Die rosaviolette Farbigkeit erinnert an Sonnenuntergänge, Wolkenformationen oder fluoreszierende Tiefseewelten. Das Licht links oben wirkt wie ein Ursprungspunkt – ein Moment der Schöpfung, ein kosmischer Gedanke oder ein seelischer Impuls, aus dem sich das gesamte Bild entfaltet.

Typisch ist wieder die Auflösung von klaren Grenzen zwischen Wesen, Landschaft und Emotion. Was zunächst wie ein Krakenkörper erscheint, verwandelt sich beim längeren Betrachten in ein neuronales Geflecht, in Augen, Pflanzenformen, Wirbelsäulen, Wellenbewegungen oder embryonale Fragmente. Das Bild beginnt zu „leben“. Genau dieses Phänomen macht viele seiner Werke aus: Sie verändern sich mit der Dauer des Betrachtens.

Man sieht nie zweimal dasselbe.

Die Spiralen – eines der stärksten wiederkehrenden Symbole in Christians Werk – erscheinen hier fast meditativ. Sie erinnern an Wachstum, Evolution, Wiederholung und zyklische Zeit. In Verbindung mit dem Zeitkraken werden sie zu Symbolen ewiger Kreisläufe: Geburt und Vergehen, Erinnerung und Vergessen, kosmische Expansion und inneres Bewusstsein. Das Bild fühlt sich dadurch nicht wie eine dystopische Vision an, sondern wie ein Schwebezustand zwischen Traum, Geburt und kosmischer Auflösung.

Die Grenze zwischen surrealer Malerei und intuitiver Bewusstseinskartografie löst sich nun endgültig auf. Das Werk steht nicht nur in der Tradition visionärer Kunst, sondern besitzt zugleich etwas zutiefst Persönliches und Unkontrolliertes. Man spürt, dass diese Formen nicht konstruiert wurden, sondern aus einem inneren Prozess hervorgegangen sind – beinahe automatisch, wie ein seelischer Strom, der direkt auf die Leinwand übertragen wurde.

Besonders bemerkenswert ist die Balance zwischen Schönheit und Fremdheit. Die ornamentale Eleganz der Formen zieht den Betrachter sofort an, während die unzähligen organischen Details gleichzeitig etwas Unheimliches und Fremdartiges besitzen. Genau diese Ambivalenz macht „Vanilla Sky“ so stark: Das Bild ist gleichzeitig beruhigend und überwältigend, intim und unendlich groß.

„Vanilla Sky“ kann man als eine Art schwebenden Zwischenraum lesen – eine Vision eines Universums, das nicht aus Materie besteht, sondern aus Emotion, Erinnerung und Energie. Der Zeitkrake fungiert dabei wie der Hüter dieses Zustandes: ein kosmisches Wesen, das nicht durch die Zeit reist, sondern selbst aus Zeit besteht….

„Ragnarök“, a Nordic Dream

Dieses Bild ist für mich aus etwas sehr Persönlichem entstanden, weil ich tatsächlich eine Art Wikinger-Traum hatte. Es war kein normaler Traum mit einer klaren Handlung, sondern eher ein Gefühl, ein Strom aus Bildern, Symbolen, Energie und uralten Wesen. Als ich aufgewacht bin, hatte ich sofort das Bedürfnis, genau diesen Zustand festzuhalten, bevor er wieder verschwindet.

Beim Malen ging es mir deshalb nie darum, nordische Mythologie einfach nur darzustellen oder historische Wikingerkunst zu zitieren. Ich wollte vielmehr dieses rohe, archaische Gefühl sichtbar machen, das der Traum in mir ausgelöst hat. Etwas zwischen Untergang, Erinnerung, Chaos und Wiedergeburt.

Wie malt man nur einen Traum?

Das ganze Bild sollte wirken wie ein lebendiger Organismus. Nichts darin ist statisch. Alles bewegt sich, zerfällt und formiert sich gleichzeitig wieder neu. Viele Formen erinnern zwar an Drachen, Schlangen oder nordische Ornamente, aber sie lösen sich immer wieder auf und werden zu etwas anderem – fast wie Gedanken oder Traumfragmente, die ständig ihre Form verändern.

Gerade diese Spiralen und Bewegungen waren mir wichtig. Für mich fühlt sich das Bild an wie ein nordischer Sturm aus Energie oder das kalte nordische Meer. Es besitzt keinen festen Mittelpunkt. Alles rotiert ineinander, fast wie ein Sog. Ich wollte, dass man beim Betrachten das Gefühl bekommt, mitten in einem mythologischen Zerfallsprozess zu stehen.

Die linke Bildseite trägt viel Wärme in sich – Gold, Kupfer, Violett und fast feurige Strukturen. Dort steckt für mich die Energie von Schmieden, alten Blutlinien, Feuer und uraltem Wissen. Während des Malens musste ich oft an Jörmungandr denken, die Midgardschlange aus der Ragnarök-Sage. Aber auch sie erscheint hier nicht als klares Wesen. Sie zerfließt, mutiert und wird Teil des gesamten Systems.

Die rechte Seite dagegen wirkt viel kälter und offener. Türkis, Blau und eisige Strukturen erinnern mich an Nebel, Wasser, Nordmeere oder kosmischen Raum. Für mich treffen dort Feuer und Eis aufeinander – genau jene beiden Urkräfte, aus denen laut nordischer Mythologie überhaupt erst die Welt entstanden ist.

Überall im Bild tauchen Augen, Wesen, Runenfragmente und organische Muster auf. Manche erkennt man sofort, andere erst nach längerer Zeit. Ich liebe es, wenn Bilder beginnen, zurückzuschauen. Wenn man irgendwann nicht mehr sicher ist, ob man selbst das Werk betrachtet oder ob das Werk begonnen hat, einen selbst zu beobachten.

Auch die nordischen Ornamente wollte ich nicht einfach übernehmen. Mich interessierte vielmehr, sie lebendig werden zu lassen. Die Flechtmuster verwandeln sich in Sehnen, Nervenbahnen, Organismen oder kosmische Strukturen. Vergangenheit und Zukunft verschmelzen dabei miteinander.

Für mich steht Ragnarök deshalb nicht nur für den Untergang der Welt. Es steht für Transformation. Für die Idee, dass etwas Altes zerbrechen muss, damit überhaupt etwas Neues entstehen kann.

Das Bild besitzt deshalb auch keinen klaren Anfang und kein Ende. Es funktioniert eher wie ein Traum oder eine Erinnerung, die sich ständig weiter verändert. Vielleicht genau deshalb wirkt es für mich gleichzeitig archaisch und futuristisch – fast wie ein Relikt aus einer Zeit, die entweder längst vergangen ist oder erst noch kommen wird.

Oder vielleicht genauso einfach nur erträumt wurde.

„Das weibliche Prinzip“

Dieses Bild fühlt sich für mich nicht wie ein klassisches Gemälde an. Eher wie etwas Lebendiges. Als würde es unter der Oberfläche weiteratmen, wachsen und sich ständig verändern. Genau dieses Gefühl wollte ich beim Malen erzeugen – dass man nicht nur auf Farbe blickt, sondern auf einen organischen Zustand.

Viele meiner Arbeiten bewegen sich zwischen Chaos, Energie und kosmischen Strukturen. Aber hier ist etwas Weicheres entstanden. Etwas sehr Ursprüngliches. Für mich wurde dieses Werk zu einer Auseinandersetzung mit dem Weiblichen als schöpferische Kraft selbst.

Die eigentliche Figur erkennt man oft erst nach längerer Zeit. Der weibliche Körper ist nicht anatomisch oder realistisch dargestellt, sondern entsteht aus Strömungen, Bewegungen und organischen Formen heraus. Alles wächst ineinander. Die Figur wirkt dadurch weniger wie ein Mensch und mehr wie ein Ursprung oder ein lebender Raum.

Im Zentrum befindet sich diese keimzellartige Form, die für mich wie der Anfang von allem wirkt. Wie ein embryonaler Moment vor der Entstehung von Leben, Bewusstsein oder Identität. Genau darum ging es mir eigentlich die ganze Zeit: um diesen Zustand zwischen Werden und Entstehen.

Das Werk arbeitet bewusst mit weiblicher Symbolik – Fruchtbarkeit, Geburt, Transformation und zyklische Erneuerung. Aber ich wollte das nie illustrativ erzählen. Es sollte eher emotional spürbar werden. Die tunnelartigen Formen erinnern manche Menschen an biologische Prozesse, andere an spirituelle Übergänge oder kosmische Räume. Für mich darf all das gleichzeitig existieren.

Gleichzeitig tauchen auch deutlich männliche, längliche und pulsierende Formen im Bild auf. Diese Energien treten miteinander in Beziehung, aber nicht als Gegensätze. Mich interessiert eher das Gleichgewicht zwischen beiden Prinzipien. Das Weibliche und das Männliche verschmelzen hier zu einem gemeinsamen schöpferischen Prozess. Nicht Kampf – sondern Verbindung.

Wie in vielen meiner Arbeiten verschwimmen auch hier Mikro- und Makrokosmos miteinander. Manche sehen darin Unterwasserwelten, andere Galaxien, Pflanzen, Knochen, Embryonen oder Energiebahnen. Genau das liebe ich. Sobald man glaubt, etwas klar erkannt zu haben, verändert es sich wieder.

Die Spiralen im oberen Bereich wirken für mich fast wie Sinnbilder ewiger Kreisläufe – Gedanken, Mondzyklen, Leben und Vergänglichkeit gleichzeitig. Darunter öffnen sich membranartige Schichten und organische Räume, die wie Schutzfelder oder Bewusstseinsebenen wirken. Das Zentrum des Bildes wurde dadurch fast zu einem sakralen Raum. Wie eine Gebärmutter oder ein kosmischer Ursprungspunkt.

Auch die Farben tragen diese Stimmung. Die tiefen Blau- und Türkistöne erinnern mich an Wasser, Nacht, Unterbewusstsein und Tiefe. Dazwischen brechen warme Gold-, Creme- und Bernsteintöne hervor wie inneres Licht oder Energie. Für mich entsteht daraus etwas gleichzeitig Beruhigendes und Überwältigendes.

Innerhalb meiner Arbeiten hat „Das weibliche Prinzip“ deshalb eine besondere Bedeutung. Es ist kein klassischer Akt und eigentlich auch kein Bild über Anatomie. Es ist eher eine Meditation über Ursprung, Sexualität, Energie und das uralte Wissen des Körpers.

Viele Formen wiederholen sich rhythmisch wie Atemzüge oder Wellen. Dadurch entsteht fast etwas Musikalisches. Man wird beim Betrachten immer tiefer hineingezogen, bis man irgendwann nicht mehr das Gefühl hat, vor einem Bild zu stehen, sondern in einen Zustand einzutreten.

Für mich bündelt dieses Werk viele Themen, die mich schon lange begleiten: die Auflösung fester Formen, die Verbindung zwischen Körper und Landschaft, zwischen Chaos und Schönheit, zwischen Spiritualität und organischem Leben.

Und vielleicht geht es am Ende genau darum:
Nicht um Anatomie.
Sondern um das Mysterium des Ursprungs selbst.

„Funky Demon“

Dieses Werk fühlt sich für mich an, als wäre es nicht einfach entstanden, sondern eher aufgetaucht. Als hätte sich während des Arbeitens plötzlich ein Wesen gezeigt, das schon irgendwo existiert hat. Genau deshalb wollte ich nie nur ein gemaltes Gesicht erschaffen, sondern etwas, das wirklich Präsenz besitzt.

Darum war mir als gelernte Maskenbildnerin auch die Kombination aus Malerei und echter plastischer Maske so wichtig. Die Figur sollte nicht nur wie eine Illusion wirken, sondern tatsächlich aus der Leinwand hervortreten. Fast so, als würde sich das Bild öffnen und etwas daraus geboren werden.

Viele Menschen sagen, dass sie das Gefühl haben, beobachtet zu werden, sobald sie vor dem Werk stehen. Und ehrlich gesagt liebe ich genau das. Für mich funktioniert Kunst am stärksten, wenn sie nicht passiv bleibt, sondern beginnt, mit dem Raum und den Menschen darin zu interagieren.

Die dunkle Umgebung mit diesen violetten Energielinien erinnert mich selbst an kosmische Räume, Nebel oder elektrische Ströme im Universum. Daraus taucht dieses Wesen auf — irgendwo zwischen Ritualmaske, Tiefseeorganismus, Dämon und mythologischer Figur. Aber ich wollte nie, dass es eindeutig wird.

Mich interessiert genau dieser Zwischenzustand.
Nicht ganz schön.
Nicht ganz bedrohlich.
Nicht ganz menschlich.

Die weißen Augen spielen dabei eine große Rolle. Sie wirken fast leer, gleichzeitig aber unglaublich wach. Manche Menschen empfinden sie als unheimlich, andere als traurig oder spirituell. Für mich besitzen sie etwas Traumartiges, fast wie ein Wesen, das aus einer anderen Bewusstseinsebene kommt.

Auch die Hörner und organischen Formen sollten nicht klassisch dämonisch wirken. Ich wollte keine Horrorfigur erschaffen. Trotz allem Fremdartigen besitzt das Wesen etwas Verletzliches und Emotionales. Genau diese Spannung interessiert mich: wenn etwas gleichzeitig verstörend und faszinierend wirkt.

Deshalb heißt das Werk auch „Funky Demon“.
Der Titel nimmt dem Dunklen bewusst etwas von seiner Schwere. Dieses „funky“ bringt plötzlich etwas Spielerisches hinein — fast etwas Popkulturelles oder Verrücktes. Für mich entsteht dadurch eine Mischung aus Unterwelt, Clubästhetik, Gothic, Creature Design und spiritueller Symbolik.

Ich merke generell immer stärker, dass meine Arbeiten sich von der reinen Malerei wegbewegen. Viele Werke wollen irgendwann körperlich werden. Sie wollen aus der Fläche herauswachsen und real im Raum existieren.

Genau deshalb fühlt sich „Funky Demon“ für mich auch weniger wie ein Bild an.

Eher wie ein Wesen.
Wie ein Relikt aus einer unbekannten Mythologie.
Oder vielleicht wie etwas, das direkt aus einem Traum mitgebracht wurde.

Irgendwie ist schon „Musik im Universum“

Dieses Werk von Christian erscheint wie ein nächtlicher Mikrokosmos – ein pulsierendes Universum aus organischen Erinnerungen, kosmischen Partikeln und traumartigen Lebensformen. Innerhalb seines Gesamtwerks nimmt dieses Bild eine besondere Stellung ein, weil es die oft düsteren, archaischen Strukturen seiner Arbeiten in eine beinahe spielerisch-poetische Sphäre überführt, ohne dabei an Tiefe zu verlieren.

Schon beim ersten Blick entsteht der Eindruck, man würde nicht auf eine gemalte Oberfläche schauen, sondern durch ein biologisches Sternenfeld treiben. Die schwarzen Tiefen des Hintergrundes öffnen einen grenzenlosen Raum, aus dem Formen hervorschweben wie embryonale Wesen, Korallen, Pflanzen, Quallen oder mikroskopische Organismen. Christian gelingt hier etwas Seltenes: Er verbindet das Kosmische mit dem Intimen. Das Universum erscheint nicht als kalte Unendlichkeit, sondern als lebendiger Organismus voller Wärme, Erinnerung und Wachstum. Ein Universum voller Musik.

Typisch für seine Bildsprache sind die unzähligen Linien, Spiralen und organischen Verästelungen, die sich durch das gesamte Werk ziehen. Doch während diese Elemente in anderen Arbeiten oft wie Nervenbahnen, Wurzelsysteme oder verletzte Strukturen wirken, entwickeln sie hier eine beinahe musikalische Leichtigkeit. Die Spirale wird zum zentralen Motiv – als Symbol für Entwicklung, Wiederholung, Geburt und ewige Rückkehr. Keine Form scheint abgeschlossen; alles befindet sich in Bewegung und Metamorphose.

Besonders bemerkenswert ist die malerische Oberfläche. Die Vielzahl an Punkten, Lasuren und feinen Ornamenten erzeugt eine enorme Tiefenwirkung. Das Bild wirkt dadurch fast biolumineszent, als würde es von innen heraus leuchten. Türkis, Violett, Gold und milchige Weißtöne schweben über dem dunklen Grund wie energetische Partikel. Diese Farbwahl erinnert an Tiefseeorganismen ebenso wie an astronomische Aufnahmen ferner Galaxien. Gerade diese Ambivalenz zwischen Mikro- und Makrokosmos ist ein zentrales Merkmal von Christians Kunst.

Im Kontext mit anderen Bildern von Christian könnte dieses Werk als Gegenstück zu seinen schwereren, existenzielleren Arbeiten gelesen werden. Wo andere Werke den Kampf, die Vergänglichkeit oder die Wunde thematisieren, erzählt dieses Bild vom Fortbestehen des Lebens – von einer wilden, unkontrollierbaren schöpferischen Kraft. Dennoch bleibt auch hier eine gewisse Fragilität spürbar: Die Wesen und Formen scheinen jederzeit wieder im Dunkel verschwinden zu können.

Man betrachtet das Bild nicht frontal, sondern verliert sich darin. Das Auge wandert permanent durch neue Details, kleine florale Fragmente, embryonale Formen und ornamentale Bewegungen.

Genau darin liegt die Stärke von Christian Arbeiten: Sie verweigern die schnelle Lesbarkeit. Stattdessen öffnen sie Erfahrungsräume.